2 Giganten, 20 Jahre: Die Konsolidierung von Chinas Industrie für Seltene Erden

Die Rohstoffsupermacht: Seltene Erden und China werden häufig in einem Atemzug genannt. Das Reich der Mitte besitzt die weltweit größten bekannten Vorkommen dieser kritischen Mineralien und hat ein Quasi-Monopol auf ihren Abbau und ihre Weiterverarbeitung. Die Mine Bayan Obo in Baotou, Autonome Region Innere Mongolei, ist als „Welthauptstadt der Seltenen Erden“ bekannt – ein Status, der das Ergebnis jahrzehntelanger Planung und gezielter politischer Entscheidungen ist.

Der Schlüssel zu Chinas heutiger Vorherrschaft bei Seltenen Erden liegt in dem Atomprogramm des Landes: Damals in den 1950ern wurden wichtige technologische Grundlagen für das rund 20 Jahre später entwickelte Verfahren zur Trennung der Rohstoffe geschaffen. Die neue Methode markierte einen Wandel in der globalen Arbeitsteilung – bis dahin hatte China seine Rohstoffe zur Weiterverarbeitung in andere Länder exportiert, nun begann das Verhältnis sich allmählich umzukehren.  Mitte der 80er löste China die USA als weltweit größten Seltenerdproduzenten ab. Die Ausfuhren nahmen zu, zugleich wurden die Preise für Seltene Erden aufgrund von Überkapazitäten gedrückt. Viele andere Anbieter konnten daher zwischen 2002 und 2005 nicht mehr mit Chinas Seltenerdangebot und -preis konkurrieren, was zur Schließung mehrerer Bergwerke führte (PDF), darunter die ehemals bedeutende Mine Mountain Pass in den USA.

Diese immer dynamischer wachsende Produktion hatte jedoch in China eine zersplitterte Industrie mit tausenden, teils illegalen Bergwerken entstehen lassen, die untereinander heftig konkurrierten und oftmals Umwelt- sowie Sicherheitsvorschriften umgingen. Um dieser Situation, die sich negativ auf die Preise auswirkte, Herr zu werden, beschloss die Regierung einen weitreichenden Plan, der den Markt bereinigen und ihr mehr Durchsetzungskraft geben sollte.

Eine Neuaufstellung und ein langer Atem

Die Lösung sah der Staatsrat der Volksrepublik in einer Konsolidierung und gab für die entsprechenden Pläne 2002 grünes Licht. Neben der Rohstoffgruppe der Seltenen Erden wurde zur gleichen Zeit auch für 14 weitere Ressourcen eine Reduzierung der Marktteilnehmer eingeleitet: Antimon, Bauxit, Blei, Eisenerz, Gold, Kalium, Kohle, Kupfer, Mangan, Molybdän, Phosphor, Wolfram, Zink und Zinn.

Im Seltenerdsektor waren die Gründe für das Vorhaben vielschichtig. Die chinesische Regierung wollte vor allem mehr Kontrolle über die Preisbildung. Aufgrund des zersplitterten Marktes war Pekings Einfluss hierauf begrenzt, obwohl das Land international bereits eine Quasimonopolstellung in der Förderung und Verarbeitung der kritischen Rohstoffe besaß. Einzelne Unternehmen unterboten sich teilweise gegenseitig. Der chinesische Minister für Industrie und Informationstechnologie, Xiao Yaqing, beklagte auch noch 2021, dass China Seltene Erden zu Preisen von Erden verkaufe und nicht von etwas Seltenem. Außerdem erhoffte sich Peking von einer Konsolidierung vereinfachte Entscheidungs- und Durchsetzungsprozessen im Sektor. Wachsende Umweltbedenken und eine hohe Dunkelziffer an illegal operierenden Bergbauunternehmen in Verbindung mit Schmuggelaktivitäten wurden als zusätzliche Gründe angeführt, denen mit einer Konsolidierung begegnet werden sollte. Ein weiterer Faktor, der für eine Marktkonzentration sprach, war das Ziel der qualitativen Aufwertung der Branche. Eine Konsolidierung würde der Regierung noch mehr Einfluss auf die Weiterentwicklung und Modernisierung des Industriezweigs verschaffen.

Ein zersplitterter Markt und lokaler Widerstand: Nord-Südgefälle

Nur noch zwei Großunternehmen für Seltene Erden sah das seit 2002 laufende Vorhaben langfristig vor. Eines davon im Norden, eines im Süden. Dies war natürlichen Gegebenheiten und der unterschiedlichen Geschichte des Bergbaus in den einzelnen Regionen geschuldet: Während im Norden Erze im Tagebau gewonnen werden, die überwiegend leichte Seltene Erden enthalten, sind es im Süden Ionenadsorptionstone, aus denen Schwere Seltene Erden extrahiert werden. Diese Tone entstehen überall dort, wo starke Witterungsverhältnisse herrschen. Wirtschaftliche Bedeutung haben sie derzeit nur im Süden Chinas und dem Nachbarland Myanmar.

Daraus ergibt sich auch eine Diversifizierung der nachgelagerten Industrie für Aufbereitung und Weiterverarbeitung. Im Norden ist es die Stadt Baotou, in der sich diese Betriebe angesiedelt haben, nur etwa 150 Kilometer entfernt von dem weltweit wichtigsten Seltenerdvorkommen Bayan Obo.

Der Süden war zudem geprägt von der Vielzahl an Akteuren, die um die Vorherrschaft auf dem Markt kämpften, aufgrund der großen Zahl der Unternehmen stießen die Pläne zur Konsolidierung hier wenig überraschend auf Widerstand. Dieser kam auch von Seiten der Provinzregierungen, denn Steuern, die lokal operierende Firmen an sie abtreten mussten, würden bei zentral geleiteten Firmen nach Peking fließen. Im Norden schritt die Konsolidierung weitaus besser voran, vor allem weil die dortige Bergbauindustrie bereits seit Jahrzehnten weitaus homogener war und in den Händen einzelner Großunternehmen lag.

Langsam, aber stetig: Die Konsolidierung macht Fortschritte

Die Konsolidierung schritt oberflächlich betrachtet nur langsam voran, faktisch jedoch schränkte die Regierung die Anzahl der vergebenen Schürfrechte immer weiter ein. Bis 2012 reduzierte sich die Zahl der vergebenen Lizenzen von 113 auf 67, wobei 90 Prozent dieser Rechte bei Firmen landeten, die später zu den sogenannten Big Six, den sechs größten Seltenerdfirmen Chinas, gehörten. Auch der Export wurde in dieser Zeit konzentriert, die Regierung autorisierte 2011 nur 22 Firmen, Seltene Erden auszuführen. 2006 waren es noch 47.

Parallel zu den Maßnahmen auf dem Heimatmarkt strebte China auch nach mehr Kontrolle beim Export. 2006 führte die Volksrepublik erfolgreich Exportquoten ein, die die Ausfuhrmengen Seltener Erden begrenzten. China verschärfte diese Quoten schrittweise. 2010 schränkte die chinesische Zollbehörde den Export Seltener Erden nach Japan in Folge eines schwelenden Handelsdisputes temporär sogar komplett ein, auch wenn dies offiziell nie bestätigt wurde. Befürchtungen eines flächendeckenden Lieferstopps ließen daraufhin die Preise für Seltene Erden auf dem internationalen Markt auf ein bis heute nicht erreichtes Niveau ansteigen.

Gegen eine weitere Verschärfung der Exportquoten reichten die USA zusammen mit der Europäischen Union und Japan 2012 bei der Welthandelsorganisation WTO eine Beschwerde ein, mit der Begründung, dass China gegen geltendes Recht verstoße, da der Zugang zu kritischen Rohstoffen verwehrt würde. Die WTO entschied 2014 gegen die Volksrepublik, welche unter Protest die Exportquoten fallen ließ.

Ein erster Meilenstein: Die Big Six entstehen

Die Seltenerdindustrie in der autonomen Region Innere Mongolei kam 2012 vollständig unter Kontrolle einer Tochterfirma des Eisen- und Stahlkonzerns Baotou Iron and Steel, welche seit 2014 unter dem Namen China Northern Rare Earth Group firmiert. Durch die Konsolidierung von 35 Produzenten wird seitdem die gesamte Seltenerdindustrie in Chinas Norden von einem Unternehmen bestimmt.

Auch im Süden machte die Konsolidierung langsam Fortschritte, jedoch dauerte es bis 2016, bis die erste nachhaltig wirkende Zentralisierung abgeschlossen war. Durch die Konsolidierung hunderter Firmen auf nunmehr fünf – Xiamen Tungsten, Minmetals Rare Earth, Guangdong Rare Earth, der Seltenerdabteilung Chinalcos (Aluminium Corporation of China) und China Southern Rare Earth – war die Industrie im Süden nun ebenfalls organisatorisch verschlankt. Zusammen mit der China Northern Rare Earth Group im Norden lag der gesamte Seltenerdsektor Chinas 2016 in der Hand von sechs großen Firmen, den sogenannten Big Six.

Die China Rare Earth Group wächst zum zweiten Giganten an

Der nächste Schritt auf dem Weg zur Schaffung von zwei marktbestimmenden Konzernen erfolgte 2021. Unter dem Namen China Rare Earth Group (CREG) fusionierten drei der Big Six, die Seltenerdsparte Chinalcos, Minmetals Rare Earth und China Southern Rare Earth. An der CREG hielten die drei Firmen jeweils 20 Prozent. Zusätzlich beteiligte sich die chinesische Regierung direkt in Form der Kommission zur Kontrolle und Verwaltung von Staatsvermögen zu 30 Prozent an der CREG. Die restlichen zehn Prozent verteilten sich auf kleinere Forschungsfirmen.

Mit der Übernahme von Guangdong Rare Earth erfolgte 2024 der vorläufig letzte offizielle Schritt in dem Prozess, Chinas Seltenerdindustrie zu verschlanken. Damit blieb Xiamen Tungsten als einziges eigenständiges Unternehmen übrig. Allerdings kooperierten Xiamen Tungsten und die CREG bereits seit 2023 unter einer Joint Venture, an der die CREG mehr als 50 Prozent hielt, mit dem Ziel, die Förderquoten zu bündeln. Die Tage der Eigenständigkeit von Xiamen Tungsten waren daher bereits gezählt.

Im Februar 2024 veröffentlichte Peking neue Förderquoten. Unter den aufgeführten Firmen sind nur noch zwei: Im Norden die China Northern Rare Earth Group, welche allein für leichte Seltene Erden vorgesehen ist, und die China Rare Earth Group im Süden, die auch schwere Seltene Erden fördern darf. Aus der Tatsache, dass Xiamen Tungsten nicht mehr aufgeführt ist, sondern die Quoten mit der CREG zusammengefasst sind, lässt sich ableiten, dass die Konsolidierungspläne nunmehr umgesetzt worden sind.

Damit nimmt ein Vorhaben ein Ende, welches vor über zwei Jahrzehnten begonnen hatte.

Ausblick: Chinas Marktmacht deutlich gestärkt

Die Marktposition von Chinas Seltenerdindustrie geht aus der erfolgreichen Konsolidierung und Aufwertung deutlich gestärkt hervor. Flankiert wurde die Zentralisierung durch Investitionen chinesischer Unternehmen in Rohstoffprojekte im Ausland, von den USA über Grönland, Tansania bis Australien und selbstverständlich auch in Asien. China sichert sich damit auf Jahre hinaus den Zugang zu Seltenen Erden und Einfluss auf die Preisbildung. Dies gilt sowohl für mögliche Erhöhung als auch gezielte Preisunterbietung, die wiederum die Wirtschaftlichkeit von neuen Bergbauprojekten gefährdet, bevor sie überhaupt ans Netz gehen können (PDF).

Um den eigenen Vorsprung in der nachgelagerten Industrie für Seltene Erden auch an weiteren Fronten zu sichern, fokussiert das Reich der Mitte den Aufbau von Know-how, etwa durch Innovationszentren. Zugleich kann das Land anders als der Westen aus einer Vielzahl von Fachkräften schöpfen: 39 Universitäten bieten Abschlüsse rund um Bergbautechnologien an. In den US hingegen sinkt die Anzahl von Hochschulen (PDF) mit vergleichbarem Angebot seit Jahren.

2023 sendete China mit Exportrestriktionen für unter anderem Gallium, aber auch einem Exportverbot bestimmter Technologien zur Weiterverarbeitung Seltener Erden gleich mehrere „friendly Reminder“ der eigenen Marktmacht in die westliche Welt.

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Trotz Gewinnrückgang: Lynas sieht sich auf Erfolgskurs

Wichtigster Produzent Seltener Erden außerhalb Chinas legt Halbjahreszahlen vor.

Der australische Seltenerdspezialist Lynas hat am heutigen Montag Halbjahreszahlen vorgelegt (PDF). Sowohl Umsatz als auch Gewinn gingen mit 74 bzw. 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich zurück. CEO Amanda Lacaze verwies auf das nach wie vor niedrige Preisniveau für Lynas‘ Produkte. Eine Trendwende könnte die wirtschaftliche Erholung Chinas bringen, so das Unternehmen (PDF).

 Das laufende Finanzjahr stelle für den Bergbaukonzern eine Übergangsphase dar, heißt es weiter. Lynas hatte im Dezember eine Aufbereitungsanlage für Seltene Erden in Westaustralien in Betrieb genommen und arbeitet an einem Ausbau der Förderung in der Mine Mount Weld, ebenfalls in Australien. Bislang erfolgte die Raffination der hier geförderten Rohstoffe in Malaysia. Die dortige Raffinerie sei nach mehrwöchigen Arbeiten erfolgreich nachgerüstet worden und seit Januar wieder am Netz, so der Konzern. Im ersten Halbjahr sei damit eine hervorragende Grundlage für den zukünftigen Erfolg gelegt.

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MP Materials fährt Quartalsverlust ein und macht dennoch Fortschritte

Betreiber der wichtigsten Seltenerdmine Nordamerikas legt Zahlen vor.

Der Hoffnungsträger der Seltenerdindustrie in den USA, MP Materials, hat Ergebnisse für das vierte Quartal und das Gesamtjahr 2023 vorgelegt. Das am 31. Dezember 2023 abgelaufene Quartal beendete das Unternehmen mit Sitz in Las Vegas mit einem Verlust von 16,3 Millionen US-Dollar. Im Vorjahreszeitraum wurde ein Gewinn 67 Millionen erwirtschaftet. MP Materials erklärt die Entwicklung mit dem derzeit niedrigen Preisniveau für Seltene Erden. Positive Nachrichten hatte CEO James Litinsky derweil aus dem texanischen Fort Worth zu berichten, dort mache der Aufbau einer Fabrik für Legierungen und Magnete aus Seltenen Erden Fortschritte. Erste Tests seien erfolgreich verlaufen. Mit dieser Anlage könnte ein bedeutender Teil der Wertschöpfungskette für kritische Materialien wieder in den USA angesiedelt werden. In der Telefonkonferenz zu den Geschäftszahlen kündigte Litinsky zudem an, Akquisitionen zu prüfen, Spekulationen über ein Zusammengehen mit dem australischen Lynas-Konzern wollte er jedoch nicht kommentieren.

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Iluka: Raffinerie für Seltene Erden teurer als erwartet 

Australisches Bergbauunternehmen veröffentlicht Jahresbericht. Gewinn ist im Vergleich zu 2022 zurückgegangen.  

Das auf Titan, Zirkonium und Seltene Erden spezialisierte australische Bergbauunternehmen Iluka Resources hat am Mittwoch seinen Jahresbericht für 2023 (PDF) veröffentlicht. Im Vergleich zu 2022 wurde ein deutlicher Gewinnrückgang verzeichnet. Das Unternehmen meldete für das gesamte Jahr einen Nettogewinn nach Steuern in Höhe von 225,03 Millionen US-Dollar, gegenüber 339,78 Millionen US-Dollar im Vorjahr.

In Bezug auf seine im Bau befindliche Raffinerie für Seltene Erden Eneabba in Westaustralien wies Iluka auf einen Kostenanstieg hin, der über das im Dezember angekündigte Ziel (PDF) von einer Milliarde US-Dollar hinausgeht, und korrigierte auf etwa 1,2 Milliarden. Das Unternehmen führt die hohe Inflation als Grund für die prognostizierte Kostensteigerung an. Ursprünglich hatte Iluka geplant, die Produktion in Eneabba 2025 aufzunehmen. Dies wurde nun auf 2026 verschoben.

Den Gewinnrückgang begründete Geschäftsführer Tom O’Leary damit, dass die von vielen erwartete wirtschaftliche Erholung in China noch nicht eingetreten sei. Dies habe vor allem den Absatz von Zirkonium beeinträchtigt. Die Titanverkäufe hingegen blieben aufgrund von verbindlichen Abnahmeverträgen stabil.

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Europäische Industrie fordert dringende Unterstützung aus Politik

73 Akteure aus unterschiedlichsten Bereichen der Industrie haben am Dienstag die Antwerpener Erklärung für einen „Industrial Deal“ unterzeichnet. Sie fordern darin eine Stärkung der europäischen Industrie, die im internationalen Vergleich zurückzufallen drohe. Der Sektor stehe für fast acht Millionen Arbeitsplätze und erwirtschafte 550 Milliarden Euro, heißt es in der Erklärung. Während etwa in den USA die Wirtschaft von der finanziellen Unterstützung durch den Inflation Reduction Act (IRA) profitieren könne, würden in Europa Standorte geschlossen und die Produktion heruntergefahren. Zu den Punkten, die dringend von der Politik adressiert werden müssten, gehöre unter anderem die Sicherung der Rohstoffversorgung. Dies könne durch den Ausbau der heimischen Kapazitäten für Bergbau, Weiterverarbeitung und Recycling geschehen, kombiniert mit neuen globalen Partnerschaften. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem BASF-CEO Martin Brudermüller und der Generaldirektor des Industrieverbandes Eurometaux, Guy Thiran. Der Industrial Deal soll nach Vorstellung der Unternehmen zentraler Punkt der Agenda für 2024-2029 der EU-Kommission werden.

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Rohstoffe: Vorratshaltung oder nicht?

Aufbau von Reserven laut Experten dringend notwendig.

Das Anlegen von strategischen Reserven kritischer Rohstoffe könnte zur Sicherung der Versorgung der US-Wirtschaft deutlich schneller einen Beitrag leisten als neue Bergbauprojekte. So jedenfalls sehen es laut Bloomberg Brancheninsider. Statt Milliardeninvestitionen in Vorhaben, die möglicherweise erst in vielen Jahren Ergebnisse lieferten, könnte mit 600 Millionen US-Dollar genug Gallium, Germanium und Kobalt für zwei Jahre eingekauft werden. Wie dringlich ein gesicherter Zugang zu Technologiemetallen und Seltenen Erden ist, haben im vergangenen Jahr die Exportauflagen und -verbote gezeigt, die China verhängt hat. Zwischenzeitlich kamen etwa die Ausfuhren von Gallium zum Erliegen, da Exportgenehmigungen eingeholt werden mussten.

Gleichzeitig könne Chinas Strategie in Bezug auf Ressourcen ein Vorbild sein, zitiert Bloomberg andere Stimmen aus der Industrie. Dort ist es die National Food and Strategic Reserves Administration, die Vorräte verwaltet und notfalls den Markt durch Käufe oder Verkäufe stabilisiert. Kenner attestieren der Behörde ein gutes Timing dafür, wann ein Eingreifen notwendig wird, heißt es weiter.  Schätzungen zufolge verwaltet sie unter anderem zwei Millionen Tonnen Kupfer und trifft Entscheidung deutlich schneller als ihr US-amerikanisches Pedant, das Department of Defense’s Defense Logistics Agency (DLA). Diese muss beim Kongress Anträge zum Ressourcenkauf stellen, bis zur Genehmigung kann ein ganzes Jahr vergehen, schreibt Bloomberg weiter.

Für den Aufbau von Rohstoffrücklagen hat sich jüngst auch die Internationale Energieagentur (IEA) eingesetzt. IEA-Vorsitzender Fatih Birol hatte in diesem Zusammenhang auf den Mechanismus zur Aufrechterhaltung der Versorgung mit Öl verwiesen. Für die Abwendung von Engpässen bei fossilen Brennstoffen war die Agentur 1974 gegründet worden. Im Gegensatz zu Erdöl, das die IEA-Mitglieder vorhalten müssen, plädiert die IEA bei kritischen Rohstoffen in einem aktuellen Kommuniqué für Freiwilligkeit.

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Rohstoffe: Kommt der Superzyklus?

Ohne Rohstoffe wie Kupfer, Nickel und Seltene Erden wird die globale Energiewende nicht zu bewältigen sein. Nach Einschätzung von Evy Hambro, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Blackrock, könnte die steigende Nachfrage sogar einen Superzyklus, also eine Phase langanhaltender Preissteigerungen, bei den notwendigen Ressourcen auslösen. Es sei fraglich, ob das wachsende Angebot mit der Geschwindigkeit der Energiewende mithalten könne, sagte Hambro dem Handelsblatt, denn Projekte zur Rohstoffgewinnung hätten lange Vorlaufzeiten. Ein weiteres Problem, das es zu lösen gelte, sei die Abhängigkeit von China; die Volksrepublik dominiere vor allem die Mitte der Lieferketten, also die Weiterverarbeitung vieler Rohstoffe. Hier besitzt das Land einen Anteil von 90 Prozent.

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Kritische Rohstoffe: Kanada will neue Bergbauprojekte beschleunigen

Regierung plant schnellere Genehmigungsverfahren und mehr Mittel für die Regulierungsbehörden.

Kanada will seinen Bergbausektor für kritische Mineralien ankurbeln, indem die regulatorischen Schritte drastisch reduziert und die Genehmigungsverfahren für neue Projekte beschleunigt werden. Dies sagte Energieminister Jonathan Wilkinson in einem Interview mit Reuters. Ihm zufolge würde nach Wegen gesucht, um Genehmigungsverfahren und Umweltprüfungen für Minen gleichzeitig und nicht nacheinander durchzuführen. Außerdem wolle die kanadische Regierung die Mittel für die Aufsichtsbehörde aufstocken, die mit der notwendigen Bürokratie betraut ist.

Die Genehmigungsphase ist jedoch nicht die einzige Hürde, die neue Bergbauprojekte überwinden müssen. Nach der Entdeckung von Mineralvorkommen müssen zunächst mehrere Machbarkeitsstudien erfolgen, und selbst nach den Genehmigungen dauert es noch Jahre, bis der Betrieb aufgenommen werden kann.

Kanada will sich als wichtiger Rohstofflieferant positionieren

Kanada will seine natürlichen Ressourcen besser nutzen und von den Bestrebungen zahlreicher Länder profitieren, unabhängiger vom Rohstoffgiganten China zu werden, der die Produktion und Veredelung vieler Mineralien dominiert. Um die oft abgelegenen Bergbauprojekte mit dem Rest des Landes und dem Weltmarkt zu verbinden, hat die kanadische Regierung beispielsweise 2023 den 1,1 Milliarden Dollar schweren Critical Minerals Infrastructure Fund aufgelegt. Darüber hinaus hat das nordamerikanische Land Partnerschaften auf der ganzen Welt geschlossen, zum Beispiel mit der Europäischen Union.

Die Energiewende vorantreiben

Energieminister Wilkinson ging in dem Interview mit Reuters auch auf den ökologischen und politischen Aspekt der neuen Initiative ein, der Umweltschutz etwa würde nicht auf der Strecke bleiben, auch wenn Prozesse beschleunigt werden. Wilkinson betonte jedoch auch, dass es die Energiewende ohne deutlich erhöhte Mengen an kritischen Mineralien in Gefahr sei. Eine Feststellung, die von Branchenanalysten wie der Beratungsfirma EY geteilt wird.

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Macht die IEA die Vorratshaltung von Rohstoffen zur Pflicht?

Kritische Mineralien, aber auch Kupfer werden durch Energie- und Verkehrswende immer wichtiger.

Solarzellen und Windräder sind ohne Rohstoffe wie Kupfer oder kritische Mineralien wie etwa Seltene Erden nicht denkbar. Die Internationale Energieagentur (IEA) werde daher ein Programm zur Sicherung der Versorgung initiieren, wie ihr Vorsitzender Fatih Birol im Interview mit Reuters ankündigte. Details zur Ausgestaltung des Programms nannte er nicht, Birol habe aber auf den Mechanismus zur Aufrechterhaltung der Versorgung mit Öl verwiesen, so die Agentur. IEA-Mitgliedsstaaten wie Deutschland sind in diesem Rahmen verpflichtet, einen Vorrat von 90 Tagen vorzuhalten. Im Falle der Bundesrepublik sind dies etwa 24 Millionen Tonnen Erdöl.

Die IEA wurde 1974 unter dem Eindruck der Ölkrise gegründet und sollte Maßnahmen zur Abwehr ähnlicher Engpässe entwickeln. Heute berät sie die 31 Mitgliedstaaten in energiepolitischen Fragen, dabei rücken aufgrund der Bestrebungen zur Klimaneutralität kritische Rohstoffe vermehrt in den Fokus. Im Juli des vergangenen Jahres legte die Agentur daher einen ersten eigenen Bericht zu diesem Thema vor (wir berichteten).

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Net-Zero Industry Act: EU erzielt vorläufige Einigung

Bis 2030 sollen 40 Prozent des jährlichen Bedarfs an Netto-Null-Technologien aus heimischer Produktion stammen.

Gestern haben Vertreter des Europäischen Rates, des Parlaments und der Kommission eine vorläufige Einigung über den im letzten Jahr vorgeschlagenen Net-Zero Industry Act (NZIA) (PDF) erzielt. Dieser Gesetzesentwurf soll im Rahmen des Green-Deal-Industrieplans der EU die heimische Produktion von Schlüsseltechnologien wie Solarzellen, Windturbinen und Wärmepumpen bis 2030 auf 40 Prozent steigern. Die nun erreichte Einigung unterstützt die Hauptziele des NZIA, darunter ein Anteil von 15 Prozent am Weltmarkt für die diverse grüne Technologien, und enthält Verbesserungen wie straffere Baugenehmigungsverfahren sowie klarere Kriterien für öffentliche Ausschreibungen, heißt es in einer Presseerklärung.

In einer anschließenden Pressekonferenz lobte Christian Ehler, Berichterstatter für die Trilog-Verhandlungen zum Net-Zero Industry Act, die Einigung als ersten Schritt, um Europa für die Erreichung seiner Klimaziele fit zu machen. Sichere und stabile Lieferketten seien notwendig für eine erfolgreiche europäische Produktion. Um dies zu erreichen, sieht die vorläufige Einigung auch vor, die Versorgung der EU mit sauberen Technologien breiter aufzustellen.

Die vorläufige Vereinbarung muss nun von den EU-Institutionen gebilligt und förmlich angenommen werden.

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